Donnerstag, 20. April 2017

TOTE MÄDCHEN LÜGEN NICHT | SERIE | KRITIK


Tote Mädchen lügen nicht oder 13 reasons why ist die neue Netflix Serie, die Ende März rauskam. Sie basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jay Asher und beinhaltet aktuell 13 Folgen mit jeweils 50 bis 60 Minuten.


Inhalt
In der Serie geht es um den Selbstmord der Highschoolschülerin Hannah Baker. Zwei Wochen nach ihrem Suizid erhält ihr Mitschüler Clay Jensen ein Päckchen. In diesem befinden sich sieben Kassetten von Hannah, auf denen sie 13 Gründe aufzählt, warum sie sich das Leben genommen hat und 12 Personen dafür verantwortlich macht. Jeder dieser Personen bekommt das Päckchen mit den Kassetten und gibt es nach dem Anhören an den Nächsten oder die Nächste weiter. Die Serie begleitet Clay Jensen dabei, wie er sich die Kassetten anhört und nach und nach die Tragödie um Hannah Baker und ihre Mitschüler aufgedeckt wird.
     


Kritik   
Vorab muss ich sagen, dass ich das Buch nicht gelesen habe, ich wusste also gar nicht, worauf ich mich mit der Serie einlasse. Ich bin ziemlich erwartungslos in die erste Folge gestartet, die Serie war in letzter Zeit in aller Munde, also wollte ich auch mal einen Blick reinwerfen. Bereits nach der ersten Folge war ich begeistert und voll im Geschehen drinnen. Nach anfänglichen Entsetzten über den Selbstmord des jungen Mädchens, wollte ich ihre Geschichte kennen. Was oder wer hat sie in den Suizid getrieben? Eine vollständige Antwort auf diese Frage bekommt man erst, wenn man sich alle Folgen angesehen hat. Jede der einzelnen Folgen stellt einen Grund dar, womit es also 13 Gründe waren, warum Hannah sich das Leben nahm. Die Gründe im Einzelnen mögen jeden von uns mehr oder weniger schwerwiegend erscheinen, das ist Ansichtssache. Am Ende ist es die Summe der Ereignisse, die Hannah in den Tod reißen. Die Botschaft dahinter finde ich sehr wertvoll: Man muss nicht unglaublich zart besaitet sein, um in eine Suizidgefährdung abzurutschen. Mit jedem blöden Kommentar, mit jedem Mobbingangriff können wir bei einem anderen Menschen das Fass zum Überlaufen bringen. Wir wissen doch gar nicht, was ihn noch belastet, warum er so ist, wie er ist … Was wenn wir die eine Bemerkung machen oder ihn das eine mal ignorieren, wo seine Schmerzgrenze überschritten wird? Dann sind auch wir schuld an seinem Tod, sei es noch so eine dumme Banalität, die wir von uns geben. Mich persönlich ruft die Serie dazu auf, darüber nachzudenken, bevor ich zu jemand etwas sage, was ich danach vielleicht bereuen könnte.

Die Themen Mobbing und Sexualisierung von Frauen sind ernst zu nehmen und sollten niemals unterschätzt werden. Die Serie leistet hier gut Aufklärungsarbeit, denn in unserer schnelllebigen und digitalen Welt sind diese relevanter denn je. So sind es nicht nur die Schüler, die einen respektvollen Umgang untereinander über müssen, es sind auch die Lehrer, die oft einfach wegschauen. Gerade bei schwerwiegenden Mobbingfällen frage ich mich immer wieder, wie es eigentlich so weit kommen kann. Schließlich gibt es doch auch noch die Lehrer, speziell die Beratungslehrer und Sozialpädagogen, die für solche Situationen doch ein Auge haben müssten. In der Serie wird mit diesen hart ins Gericht gegangen. Ganz nach dem Phänomen, in der Theorie ist alles so einfach, aber wenn dann wirklich ein hilfloser Schüler vor mir sitzt, kann ich nicht helfen … Sehr traurig, vor allem, weil eine Verzweiflungstat wie ein Suizid nicht mehr rückgängig zu machen ist.

Von der Besetzung her finde ich die Serie mehr als gelungen. Die noch unbekannte Katherine Langford spielt die Verzweiflung der Hannah Baker hervorragend. Für meinen Geschmack schon etwas zu gut. Ich hätte mir von Hannah doch manchmal etwas mehr Stärke gewünscht. Das widerspricht sich jetzt meinen vorherigen Ausführungen, dass es nicht viel Schwäche braucht, um so zu verzweifeln. Aber Hannah wirkte auf mich doch teilweise etwas zu sensibel und reagierte mir zu überemotional. Das ist aber sicherlich so gewollt, denn gerade solche Menschen sind ja Angriffspunkt Nummer eins für Mobbing und Ausgrenzung. Außerdem wurde sie des Öfteren als Dramaqueen bezeichnet, was auch darauf schließen lässt, dass dieser Charakterzug von Hannah geplant war. Über die Gründe und ihre Relevanz für einen Suizid möchte ich an dieser Stelle nicht diskutieren, denn da empfindet jeder Mensch nun mal anders. Die Schauspieler sind größtenteils unbekannt, alle Grey’s Anatomy und Private Practice Liebhaber werden Kate Walsh erkannt haben, welche in der Serie die Mutter der Hannah Baker verkörpert.

Ein Kritikpunkt für mich sind die Kassetten bzw. der Zweck, den sie erfüllen sollen. Hannah entscheidet sich aus Verzweiflung für den Freitod, ist aber vorher noch imstande die ganze Geschichte aufzunehmen, die sie zu dieser Entscheidung bewogen hat. Das klingt mir dann eher nach einem geplanten Racheakt. Hannah hat sich durch die 12 Leute schlecht und erniedrigt gefühlt, nun sollen die es auch tun. Sie sollen leiden, in dem sie sich für den Tod eines jungen Mädchens verantwortlich fühlen. Diese Tat ist zwar irgendwie nachvollziehbar, aber nicht besonders schön und lässt mich Hannah dann doch in einem anderen Licht sehen.  

An einigen Stellen hätte Hannah Handlungsmöglichkeiten gehabt, die sie aber nicht genutzt hat. Hier will ich nicht ins Detail gehen, da ich sonst Spoilern würde. Aber das ist von außen betrachtet immer leicht gesagt, sodass es eher die Menschen in ihrem Umfeld waren, die hätten sehen müssen, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Gerade ihre eigenen Eltern, bei denen sich zwar Mühe gegeben wurde zu zeigen, dass sie wenig Zeit haben, kamen mir zu Hannahs Lebzeiten zu kurz. Sie spielen auch als Jugendlicher noch eine wichtige Rolle im Leben. Überhaupt kommt es mir so vor, als wäre jeder der 12 Personen immer den einfachsten Weg gegangen, um sich aus der Misere zu ziehen. Keiner von ihnen hat wirklich die Konfrontation mit Hannah gesucht, obwohl sie mehr als einmal gezeigt hat, dass sie Hilfe braucht. Am Ende hat Hannah dieses Muster fortgeführt, in dem sie beschlossen hat nicht zu kämpfen und von dieser Welt für immer zu verschwinden.   

Mit dem deutschen Titel habe ich auch so meine Schwierigkeiten, unter Tote Mädchen lügen nicht hätte ich mir ehrlich gesagt etwas anderes vorgestellt. Für mich klingt er eher nach einem Krimi, so als ob ein Mord aufgedeckt werden müsste oder es darum geht herauszufinden, ob das Mädchen noch lebt oder nicht. Den englischsprachigen Titel finde ich wesentlich passender, 13 reasons why, in deutsch 13 Gründe warum, beschreibt die Geschichte ziemlich gut, denn diese sind das Leitmotiv der Serie.

Fazit
Diese Serie sollte man gesehen haben, vor allem Jugendliche können dadurch zu einem respektvolleren Umgang mit ihren Mitschülern angeregt werden. Doch Vorsicht, die Serie hat zwar keine Altersbeschränkung, doch es gibt explizite Warnungen, vor einzelnen Folgen, in denen es zu Gewaltdarstellung und Übergriffen kommt, die vor allem für junge Menschen verstörend sein können. Sie gehören dazu, denn nur so kommt die ganze Botschaft wirklich gut rüber, aber man sollte sich und seine Grenzen kennen.             

Zurück bleibt ein bedrückendes Gefühl. Dass mich die Serie unterhalten hat, ist nicht der richtige Ausdruck, sie hat mich eher bewegt. In so vielen Schulen ist Mobbing ein großes Thema, ich will gar nicht wissen, wie viele Schüler mit solchen Erfahrungen schon mal über Selbstmord nachgedacht haben. Wir alle sollten uns mehr darüber bewusst werden, dass wir nicht nur eine Verantwortung für uns, sondern auch gegenüber unseren Mitmenschen haben. Was haben wir davon, wenn wir andere Menschen belächeln oder ausgrenzen? Uns geht es nicht besser damit, die eigenen Probleme werden dadurch nicht gelöst. Wird ein Mensch wegen uns krank oder nimmt sich gar das Leben, ist das eine enorme Last mit der wir im Leben nicht mehr fertig werden. Auch, wenn uns dann keine Kassetten erreichen, die uns beschuldigen, verändert es uns und unser Leben für immer …

Ich gebe der Serie 4 von 5 Sternen.

Habt ihr das Buch gelesen, die Serie gesehen oder sogar beides? Dann würde mich eure Meinung dazu sehr interessieren. Vielleicht habt ihr ja noch eine Ergänzung oder einen Punkt, den ihr anders seht als ich …

Liebe Grüße

Eure Karo