Freitag, 11. Dezember 2015

Selektion im Alltag (Nein sagen)

Bekommt man eine Frage gestellt, hat man zwei Möglichkeiten zu antworten, mit Ja oder mit Nein. Jeder Mensch weiß das und nutzt diese kleinen Wörtchen mehrmals täglich. 

Es gibt einen recht amüsanten Film mit Jim Carrey, „Der Ja-Sager“. Der Hauptakteur ist hier gänzlich unzufrieden mit seinem Leben, bis er auf eine Art Sekte stößt, die den Anhängern Gehirnwäschen mäßig eintrichtert immer zu allem ja zu sagen. Auf einmal scheinen sich alle Probleme zu lösen und die Zufriedenheit kehrt zurück. Ein humorvoller Film, der sicherlich ein paar Funken Wahrheit enthält.

Doch kann ein ständiges Jasagen auch zu Überforderung und Unzufriedenheit führen. Erst einmal führt es jedoch zur sozialen Erwünschtheit. Wir kennen sicherlich alle Menschen, bei denen wir das Gefühl haben, dass wir uns immer an sie wenden können. Die immer für uns da sind und die uns gern helfen. Warum denken wir das? Weil diese, egal, was wir sie fragen, immer ja sagen. Diese Menschen können aus unterschiedlichen Gründen, vor allem aber aus Angst vor Ablehnung, einfach nicht nein sagen und anderen Menschen keine Bitte abschlagen. Gut für den, der Hilfe braucht, aber nachteilig für den, der immer nur gibt. 

Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die man ungern um etwas bittet. Man hat bei ihnen das Gefühl, sie zu überfordern oder ihnen zu viel zuzumuten. Ich beschreibe sie immer als „Augenverleiher-Menschen“. Also Menschen, die bei einer Bitte offensichtlich oder nur innerlich die Augen verlieren. Bei denen man das Gefühl hat, man sei schwach und der andere ist überlegen. Denn auch um Hilfe zu bitten, ist nicht einfach. So ist es doch ein Eingeständnis dafür, dass die eigenen Grenzen erreicht sind, und wer gibt das schon gern zu?

Es gilt also, wie in so vielen anderen Dingen im Leben, einen Mittelweg zu finden. Wir müssen anfangen zu selektieren zwischen Annahme und Ablehnung von Bitten anderer Menschen.
Ich finde es immer sinnvoll, nicht aus dem Affekt heraus ja oder nein zu sagen. Habe ich gerade einen schlechten Tag und ist mir alles zu viel, reagiere ich womöglich ablehnend auf eine Bitte. Aber eigentlich könnte ich gut helfen und hätte es auch gern getan. Bin ich durch ein Erfolgserlebnis motiviert und zufrieden, würde ich wohl eher dazu neigen, jede Bitte um Hilfe anzunehmen. Selbst wenn ich bis zum Hals in Arbeit stecke.

Es ist nicht verwerflich, sich  Bedenkzeit zu nehmen, solange ich meinem Gegenüber das Gefühl gebe, ihn ernst zu nehmen. Dies gilt natürlich nicht für Notfallsituationen, da kann man sich schlecht Zeit lassen, bevor man hilft. Ebenso macht man natürlicherweise Unterschiede zwischen Personen. Geht es um die eigene Familie, Angehörige oder enge Freunde hilft man meistens sofort und gern. Auch auf Arbeit kann man schlecht überlegen, ob man die Aufgabe nun erledigt oder nicht. 

Aber achtet man mal bewusst darauf, wird man schnell feststellen, dass es drum herum viele Situationen gibt, die man selektieren kann. Eine große Rolle dabei spielt die Angst, andere Menschen zu enttäuschen. Aber mal ehrlich sind wir wirklich enttäuscht, wenn eine Freundin nicht beim Umzug hilft, weil sie für eine Prüfung lernen muss? Ich denke, die meisten werden es nicht sein, sondern mit Verständnis reagieren. 

Man kann das Phänomen mit der Enttäuschung aber auch umdrehen. Bin ich nach einer Absage enttäuscht von der Person, liegt es meistens nicht an mangelnder Empathie. Eher bin ich mir bewusst, dass ich in dieser Situation geholfen hätte und nun enttäuscht, dass die andere Person dies nicht tut. Man erwartet also automatisch Dinge von anderen, die man selbst bereit ist zu tun. Das ist natürlich schwierig, denn oft ist die Bereitschaft etwas für einen anderen zu tun situationsabhängig.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass es Sinn macht abzuwägen, was man annimmt und was nicht, dass die Angst vor Enttäuschung meist unbegründet ist. Das Umfeld reagiert eher mit Verständnis und dass man nicht die eigene Hilfsbereitschaft automatisch auf andere übertragen sollte. Vielleicht kann einem das ein wenig den Druck nehmen und man bewahrt sich selbst etwas vor Überforderung! 

Viele Grüße von Tessa